Vom Lehrer zum Lernbegleiter an der Albert-Schweitzer-Schule Offenbach
Mein Impulsvortrag zum neuen Schulkonzept 63071 – und warum gute Fragen so viel bewirken
Was passiert, wenn eine Schule beschließt, Lernen neu zu denken? An der Albert-Schweitzer-Schule in Offenbach ist genau das gerade Thema: Ab dem Schuljahr 2027/28 startet dort mit dem neuen Jahrgang 5 das Schulkonzept 63071 – „Aus OF. Für morgen.“ Selbstständig lernen, im Team arbeiten und digitale Werkzeuge sinnvoll nutzen: Das sind die Leitgedanken.
Ich durfte das Kollegium mit einem Impulsvortrag „Vom Lehrer zum Lernbegleiter“ auf diesem Weg ein Stück unterstützen. In diesem Beitrag erzähle ich Dir, worum es ging, was mich besonders begeistert hat – und warum der Rollenwechsel vom Lehrer zum Lernbegleiter vor allem eine Frage der Haltung ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Was: Impulsvortrag „Vom Lehrer zum Lernbegleiter“ von Lerncoach Andrea Kurz (Perlentaucher, Rodgau)
- Wo: Albert-Schweitzer-Schule Offenbach am Main
- Hintergrund: Schulkonzept 63071 – selbstorganisiertes Lernen ab Jahrgang 5, Start im Schuljahr 2027/28
- Vorbild: die Alemannenschule Wutöschingen mit ihrer Schmetterlingspädagogik
- Themen: Haltung, ressourcenorientiertes Coaching, Growth Mindset, Lernwelten, Neurobiologie, Fragetechniken und ein erster Coachingleitfaden
Schulkonzept 63071: Was sich an der Albert-Schweitzer-Schule ändert
Mit dem Schulkonzept 63071 – benannt nach der Offenbacher Postleitzahl – geht die Albert-Schweitzer-Schule einen mutigen Schritt. Laut der Ankündigung der Schule sind die Eckpunkte für den neuen Jahrgang 5:
- Start mit Klasse 5 im Schuljahr 2027/28
- Coachinggruppen mit 18 Kindern
- einmal pro Woche Einzelcoaching für jedes Kind
- keine Ziffernoten
- Selbstständig lernen, im Team arbeiten, digitale Werkzeuge sinnvoll nutzen
Das klingt nach einer kleinen Revolution – und ist es auch. Denn wenn Kinder ihr Lernen selbst organisieren, verändert sich nicht nur der Stundenplan. Es verändert sich vor allem die Rolle der Erwachsenen im Raum.
Vorbild: Alemannenschule Wutöschingen und die Schmetterlingspädagogik
Als Modell dient die Alemannenschule Wutöschingen in Baden-Württemberg, die seit Jahren für selbstorganisiertes Lernen bekannt ist. Ihr Leitbild ruht auf Werten wie Respekt, Selbstständigkeit, einem Wohlfühlraum zum Lernen und Engagement. Die sogenannte Schmetterlingspädagogik erkennt an, dass Kinder bei gleichen Inhalten ganz unterschiedliche Lernwege gehen dürfen. Statt klassischer Klassenzimmer gibt es Lernateliers für konzentriertes Arbeiten und offene Bereiche für Austausch – und an der Seite der Schülerinnen und Schüler stehen Lernbegleiter.
Was ist ein Lernbegleiter? Der Unterschied zur klassischen Lehrerrolle
Ein Lernbegleiter ist eine Lehrkraft, die nicht in erster Linie Wissen vermittelt, sondern Lernprozesse begleitet: Sie unterstützt Kinder dabei, eigene Ziele zu setzen, ihren Lernweg zu planen, Fortschritte zu reflektieren und aus Fehlern zu lernen. Der Lernbegleiter arbeitet dabei ähnlich wie ein Coach – mit Fragen statt fertiger Antworten.
- Lehrer klassisch: erklärt, gibt Tempo und Weg vor, bewertet mit Noten
- Lernbegleiter: fragt, ermutigt, gibt Orientierung und Feedback, traut dem Kind den eigenen Weg zu
- Im Fokus: nicht nur das „Was“ wird gelernt, sondern auch das „Wie“
Die Inhalte meines Impulsvortrags „Vom Lehrer zum Lernbegleiter“
1. Haltung: die neue Rolle als Lernbegleiter und Coach
Wir haben bewusst mit der Haltung begonnen. Denn ein Lernbegleiter oder Coach hat eine andere Rolle als die Lehrkraft vorne an der Tafel. Es geht darum, Verantwortung abzugeben, ohne die Kinder allein zu lassen – und darauf zu vertrauen, dass jedes Kind Ressourcen mitbringt, die es zu entdecken gilt. Methoden lassen sich lernen. Die Haltung ist das Fundament, auf dem sie wirken.
2. Ressourcenorientiertes Coaching und Growth Mindset
Ressourcenorientiertes Coaching schaut auf das, was schon da ist und funktioniert – statt auf Defizite. Eng damit verbunden ist das Growth Mindset, also die Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Übung und Anstrengung wachsen können. Ein Kind, das „Ich kann das noch nicht“ denkt statt „Ich kann das nicht“, lernt mutiger und bleibt länger dran. Genau diese Haltung können Lernbegleiter jeden Tag stärken.
3. Lernwelten gestalten – weg vom klassischen Klassenzimmer
Wenn Kinder selbstorganisiert lernen, braucht es Räume, die das möglich machen: Rückzugsorte für Konzentration, Flächen für Teamarbeit, Orte für Austausch. Wir haben darüber gesprochen, wie Lernwelten aussehen können, die Ruhe, Orientierung und Zusammenarbeit fördern. Wie stark die Umgebung das Lernen beeinflusst, beschreibe ich übrigens auch in meinem Beitrag Feng Shui im Kinderzimmer.
4. Neurobiologie und Lernforschung: wie Lernen im Gehirn funktioniert
Ein paar Basics aus Neurobiologie und Lernforschung durften nicht fehlen: Warum Stress das Denken blockiert, warum Sicherheit und Beziehung die Grundlage für Lernen sind und warum Erfolgserlebnisse so wichtig für die Motivation sind. Wer verstehen möchte, warum unser Gehirn beim Lernen manchmal „falsch“ reagiert, findet mehr dazu in Grüße aus der Steinzeit.
5. Die Kraft guter Fragen: Fragetechniken für Lernbegleiter
Für mich das Herzstück: Ich habe die Lehrkräfte in Fragetechniken eingeführt und gezeigt, wie stark gute Fragen sind. Eine gute Frage öffnet Denkräume, lenkt den Blick auf Lösungen und gibt dem Kind die Verantwortung für seinen Lernweg zurück. Statt „Warum hast du das nicht gemacht?“ etwa: „Was hat dir heute schon geholfen?“ oder „Was wäre ein erster kleiner Schritt?“ Solche Fragen wirken – oft viel mehr als jede Erklärung.
6. Ein erster Coachingleitfaden und stärkende Coaching-Methoden
Gemeinsam haben wir einen ersten Coachingleitfaden skizziert – als Orientierung für die wöchentlichen Einzelcoachings, die im neuen Konzept vorgesehen sind. Außerdem habe ich erste Coaching-Methoden vorgestellt, die sich im Schul- und Lernkontext bewährt haben und Kinder in ihrer Selbstwirksamkeit stärken.
Mehr als ein Vortrag: Neugier, Aha-Momente und ehrliche Diskussionen
Was mich besonders gefreut hat: Aus dem Impulsvortrag wurde schnell ein echter Austausch. Es gab viel Interesse, Neugier und einige Aha-Momente. Und es gab sehr gute Diskussionen darüber, welche Hürden es auf dem Weg vom Lehrer zum Lernbegleiter geben kann – und wie man sie überwinden kann. Genau diese offenen Fragen zeigen mir, wie ernst das Kollegium den Wandel nimmt.
Ich bin gespannt, wie sich das Schulkonzept 63071 an der Albert-Schweitzer-Schule weiterentwickelt, und wünsche allen Beteiligten viel Mut, Freude und einen langen Atem auf diesem Weg.
Warum mir das Thema Lernbegleitung am Herzen liegt
Seit 15 Jahren arbeite ich als LernCoach mit eigener Praxis in Rodgau und begleite Kinder, Jugendliche, Studierende und Auszubildende dabei, ihren eigenen Lernweg zu finden. Die Albert-Schweitzer-Schule kenne ich bereits aus früherer Zusammenarbeit – etwa bei der Oberstufen-Vorbereitung an der Albert-Schweitzer-Schule in Offenbach. Was ich in meiner Praxis täglich erlebe, ist genau das, was Lernbegleitung ausmacht: Wenn Kinder sich gesehen fühlen und die richtigen Fragen gestellt bekommen, wachsen sie über sich hinaus.
Wer selbst tiefer einsteigen möchte, findet Informationen zu meiner Lerncoach-Ausbildung und zum Lerncoaching für Schüler. Mehr über mich erfährst Du hier.
Häufige Fragen zum Thema Lernbegleiter
Was macht ein Lernbegleiter?
Ein Lernbegleiter unterstützt Schülerinnen und Schüler dabei, ihr Lernen selbst zu planen, umzusetzen und zu reflektieren. Er gibt Orientierung, stellt Fragen, gibt Feedback und begleitet regelmäßig in Coachinggesprächen.
Was ist der Unterschied zwischen Lehrer und Lernbegleiter?
Der klassische Lehrer vermittelt Inhalte und gibt Weg und Tempo vor. Der Lernbegleiter versteht sich eher als Coach: Er traut dem Kind zu, eigene Wege zu gehen, und unterstützt es dabei mit Fragen, Struktur und Ermutigung.
Was ist das Schulkonzept 63071?
63071 ist das neue Schulkonzept der Albert-Schweitzer-Schule in Offenbach. Ab dem Schuljahr 2027/28 lernen die Kinder ab Jahrgang 5 selbstorganisiert in Coachinggruppen mit 18 Kindern, mit wöchentlichem Einzelcoaching und ohne Ziffernoten.
Was ist Schmetterlingspädagogik?
Die Schmetterlingspädagogik stammt von der Alemannenschule Wutöschingen. Sie geht davon aus, dass Kinder bei gleichen Inhalten unterschiedliche Lernwege gehen dürfen, und setzt auf selbstorganisiertes Lernen, Lernateliers und Lernbegleiter.
Warum sind gute Fragen im Coaching so wichtig?
Gute Fragen aktivieren das eigene Denken, lenken den Blick auf Ressourcen und Lösungen und geben die Verantwortung für das Lernen an das Kind zurück. So entsteht Selbstwirksamkeit – die Grundlage für nachhaltiges Lernen.
Fazit: Lernbegleitung beginnt mit der Haltung
Der Weg vom Lehrer zum Lernbegleiter ist kein Methodenwechsel über Nacht, sondern ein Prozess – getragen von Haltung, Vertrauen und guten Fragen. Die Albert-Schweitzer-Schule Offenbach geht diesen Weg mit dem Schulkonzept 63071 mutig an, und ich habe mich sehr gefreut, mit meinem Impulsvortrag einen Beitrag dazu leisten zu dürfen.
Du bist Lehrkraft, Schulleitung oder Elternteil und möchtest mehr über Lerncoaching, Fragetechniken oder Lernbegleitung erfahren? Melde Dich gerne bei mir – ich freue mich auf den Austausch.
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